Deutscher Hörbuchpreis 2024 in der Kategorie »Beste Interpretin«

Das andere Mädchen
Annie Ernaux / Sonja Finck (Übersetzung)
Der Audio Verlag
Preisträgerin beste Interpretin: Maren Kroymann
Hörbeispiel:

Kurzbeschreibung:
Zufällig erfährt die zehnjährige Annie, dass sie eine Schwester hatte, die schon vor Annies Geburt im Alter von sechs Jahren an Diphtherie gestorben ist. In Gestalt eines Briefes an das früh verstorbene „andere Mädchen“ versucht Annie Jahrzehnte später, sich der unbekannten Schwester anzunähern, über die sie mit den Eltern niemals hat sprechen können. Diese Leerstelle, die in der Familie tiefe Spuren hinterlassen hat, erweist sich nicht zuletzt als prägend für Annies eigene Identität und ihr Schreiben.

Begründung der Preisträgerjury: 
Der Seele eines Textes auf die Spur zu kommen – das ist große Sprechkunst. Und genau das schafft Maren Kroymann mit dieser Lesung: Sie spricht, nein, sie spielt diese außergewöhnliche Erinnerungsreise als eindringlichen, bewundernswert leicht daherkommenden Monolog. Dabei vermisst sie mit einer klugen, souveränen Nonchalance, eben einem sehr guten Gespür für den Ton des Textes, präzise und gleichzeitig tastend die Gefühlslandschaft zwischen einem Ich und einem Du. Die Adressatin, die verstorbene Schwester, kann sie nicht mehr erreichen, aber uns alle trifft sie mit dem Monolog ins Herz. Weil sie als Erzählerin in ihrer eleganten Zurückhaltung nicht nur die verletzliche, kindliche Vergangenheit beleuchtet, sondern auch so viel über das Kindsein an sich und Wachsen an Widerständen offenbart.

Begründung der Nominierungsjury: 
Maren Kroymann trifft gekonnt den Schreibstil der Autorin, die laut Nobelpreisjury mit „Mut und klinischer Schärfe“ die „Wurzeln, Entfremdungen und kollektiven Beschränkungen der persönlichen Erinnerungen“ aufdeckt. Sprachlich präzise, schnörkellos, mit verhaltener Betroffenheit sowie einer dem Selbstschutz verpflichteten Distanz begibt sich Maren Kroymann auf eine außergewöhnliche Erinnerungsreise. In jeder Hinsicht souverän und stimmlich überragend taucht sie ein in den Versuch einer Annäherung an „das andere Mädchen“.

Maren Kroymann wurde durch ihr erstes Bühnenprogramm „Auf du und du mit dem Stöckelschuh" (1982) fürs Fernsehen entdeckt, wo sie in „Oh Gott, Herr Pfarrer" als emanzipierte Serienmutter Furore macht und ab 1993 mit „Nachtschwester Kroymann" als erste Frau eine eigene Satireshow im öffentlich-rechtlichen TV hat. Sie ist in zahlreichen prägenden TV- und Kinorollen zu sehen, darunter „Mein Leben & ich, Verfolgt, Klimawechsel, Enkel für Anfänger". Ebenso erfolgreich ist sie als Hörbuchsprecherin – mit ihren Lesungen von Annie Ernaux steht sie mehrfach auf der hr2 Hörbuchbestenliste. Seit 2017 hat sie mit der vielfach ausgezeichneten Sketch-Comedy „Kroymann" wieder eine eigene TV-Show in der ARD. 2023 startet sie ihren Podcast „​​​​​​​War’s das?". Die Carl-Zuckmayer-Medaille und die Auszeichnung „Rede des Jahres 2021" würdigen Maren Kroymanns Umgang mit Sprache. Für ihren „Beitrag zur Auflösung weiblicher Stereotypen und misogyner Frauenbilder in den Medien“ erhält sie den Ehren-Grimme-Preis und ebenso in 2023 die DAfFNE, die Ehrenauszeichnung der Deutschen Akademie für Fernsehen.


​​​​​​​Maren Kroymann©Mathias Bothor

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